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Körper & Geist


Gut vorbereitet auf den Pflegefall


Bei plötzlicher Krankheit oder im hohen Alter wird das Wohnen in den eigenen vier Wänden oft zu einem Problem. Wie Angehörige richtig damit umgehen.

Wenn Michaela Wenzel Karten legt, blickt sie nicht in die Zukunft, sondern analysiert die Gegenwart. Mit ihren Karten ver­anschaulicht die Sozialpädagogin, die für den Münchner Verein „Dahoam“ zu Themen rund um das Alter berät, älteren Menschen oder pflegenden Angehörigen das Beziehungsgeflecht, das eine hilfsbedürftige Person umgibt.

Die Karten verdeutlichen das soziale Umfeld – und manches erscheint plötzlich in einem anderen Licht. Vielleicht kann der Enkel, der schon zweimal pro Woche die Einkäufe erledigt, ein wenig mehr übernehmen. Oder die Nachbarin, die regelmäßig nachfragt, ob etwas fehlt, lässt sich motivieren, den Hilfsbedürftigen zu Arztbesuchen zu begleiten.


Mehr als 1,7 Millionen Menschen werden zu Hause gepflegt

Millionen von Menschen in Deutschland sind täglich auf fremde Hilfe angewiesen. Der Pflegestatistik des Statistischen Bundesamts zufolge werden mehr als 1,7 Millionen alte, kranke und geschwächte Menschen zu Hause gepflegt. Bei 1,2 Mil­lionen von ihnen übernehmen diese Aufgabe ausschließlich Familienangehörige, Freunde und Bekannte – ohne Unterstützung durch professionelle Pflegedienste.

Der Pflegeforscher Professor Andreas Büscher von der Hochschule Osnabrück zweifelt allerdings an der Statistik: „Da es kaum brauchbare wissenschaftliche Untersuchungen gibt, fehlen verlässliche Zahlen.“ Daher bleibt viel Raum für Spekulationen: Während einige Experten auf eine Überforderung der pflegenden Angehörigen und weitere Probleme hinweisen, sehen andere wie Büscher die häusliche Betreuung positiv: „Sie stellt einen Pfeiler der Pflege dar. Insgesamt ist die Qualität gut, aber auch sehr unterschiedlich.“


Manchmal tritt ein Pflegefall von heute auf morgen ein

„Ist die häusliche Pflegesituation die Folge eines unerwarte­ten Gesundheitsproblems, beispielsweise eines Schlag­anfalls, bleibt meist keine Zeit, sich darauf vorzubereiten“, stellt Andreas Büscher fest. Von heute auf morgen ist dann eine Menge zu organisieren. Die zentrale Frage lautet: Wer aus dem sozialen Umfeld übernimmt was?

Anders sieht es aus, wenn die Gesundheit langsam schwindet. Von „einem schleichenden Weg in die Pflege“ spricht der Experte. „Bei Demenz-Erkrankungen kommt das vor – aber auch, wenn mit fortschreitendem Alter die Kraft nachlässt.“

Dann bleibt genug Zeit, sich auf die schwierige Phase vor­zubereiten. Antje Brandt, langjährige Beraterin der Landesstelle für pflegende Angehörige in Nord­rhein-Westfalen, sieht in dem langsamen, allmählichen Übergang eine große Chance: „Es bleibt Zeit, sich frühzeitig mit der Situation auseinanderzusetzen. Je eher eine Familie das tut, umso besser.“


Alle Beteiligten sollten gemeinsam das Vorgehen besprechen

Im Idealfall gelingt es, möglichst viele Beteiligte, Familienmitglieder, Verwandte und Freunde an einem Tisch zu versammeln und gemeinsam zu überlegen, wie es weitergeht. „Wenn möglich, sollten an einem solchen offenen Gespräch auch dieje­nigen teilnehmen, um die es geht“, ergänzt Büscher, der ausgebildeter Krankenpfleger ist. So­zialpädagogin Wenzel legt bei ihren ­­Beratungen ebenfalls großen Wert darauf, dass die Betroffenen informiert und ein­bezogen werden: „Sie sollten mit den Entscheidungen einverstanden sein, damit sie die Hilfe auch annehmen, wenn beispielsweise ein Besuchs- und Begleitdienst in die Pflege integriert wird.“

Leider verhindern oft Familienstreitigkeiten, berufliche Verpflichtungen oder die Entfernung zum Wohnort der Helfenden eine frühe Planung ohne Zeitdruck. Wie wichtig diese Weitsicht wäre, wird oft gleich zu Beginn klar, wenn sich mit einem Mal der Tages­ablauf ändert, sich finanzielle Engpässe auftun, neue Aufgaben anstehen und die Rollen neu verteilt werden – zusätzlich zu den psychischen und körperlichen Belastungen der Pflege.

Experten raten den Angehörigen daher, sich früh über eigene Erwartungen und Motive klar zu werden. Wer den Pflegebedürftigen liebt, ihm dankbar ist oder sich ihm eng verbunden fühlt, verarbeitet die vielen Entbehrungen meist anders als jemand, der in erster Linie aus Pflicht- oder Schuldgefühl handelt. Verdrängen die neuen Aufgaben eigene Wünsche und Lebens­ziele, müssen Pflegende oft mit Frus­tration, Trauer, häufig auch mit Aggres­sionen klarkommen.


Pflegefall kann das Leben der Angehörigen einscheinend verändern

Durch die Schwäche einer Person ändert sich oft zwangsläufig auch die Rollenverteilung. Hat beispielsweise der Ehemann bisher den Schriftverkehr erledigt und die Rechnungen bezahlt, fallen diese Verpflichtungen im Pflegefall der Ehefrau zu. Zu hohe ­Erwartungen und Ansprüche von Eltern an den pflegenden Nachwuchs bergen ebenfalls Konfliktpotenzial. Antje Brandt erinnert sich an ein Gespräch mit einer verzweifelten Tochter, die sich um ihren Vater kümmerte: „Er erwartete, dass sie Tag und Nacht für ihn da war, und gestand ihr kein eigenes Leben mehr zu.“

Grenzen zu ziehen hält Andreas Bü­scher für unumgänglich: „Alle Beteilig­ten müssen klar und deutlich machen, wie viel sie bereit sind zu leisten und was sie auf keinen Fall tun.“ Wie unterschiedlich die Grenzen sind, zeigt das Beispiel Inkontinenz: Manche Angehörige ekeln sich davor und sollten daher diesen Teil der Pflege nicht übernehmen. Andere aber sehen genau darin ­­ihre wichtigste Aufgabe. „Sie wollen ­ihrem Lieben ersparen, sich vor einer fremden Person zu entblößen“, sagt Büscher.


Heikle Themen offen ansprechen

Der Wissenschaftler hält eine offene Kommunikation für die Grundlage jeder gelungenen Pflege – auch wenn es nicht immer leichtfällt, über heikle Themen wie Inkontinenz zu sprechen. Dennoch empfiehlt Büscher, möglichst viel zu reden. Denn jede Pflegesituation wandelt sich ständig – nicht zuletzt aufgrund des Gesundheitszustands des Betroffenen. „Letztlich ist Pflege eine ständige Suche nach der richtigen Balance“, stellt Büscher fest. Das gilt auch in Bezug auf die Frage, was ein Mensch noch alleine kann und wofür er Hilfe braucht. Unterstützung ist zwar gut, aber zu viel sollte es nicht sein, um die verbliebene Selbstständigkeit zu erhalten.

Sowohl der geplante als auch der überstürzte Beginn einer häuslichen Pflege kann ohne Unterstützung gelingen. Besser ist es allerdings, einen kundigen Ansprechpartner an der Seite zu haben. In vielen Regionen bilden sogenannte Pflegestützpunkte die erste Anlauf­stelle. „Oder man wendet sich an die Pflegekasse“, empfiehlt Expertin Antje Brandt. In Nord­rhein-Westfalen bieten Kommunen ­eine unabhängige Pflegeberatung an. In anderen Städten und Gemeinden können sich alte Menschen oder deren Angehörige an Senioren- und Servicezentren, Fachstellen für pflegende Angehörige oder Beratungsstellen für alte Menschen wenden.

Und es gibt Vereine wie „Dahoam“, der benannt ist nach dem bayerischen Wort für „zu Hause“. Er bietet in den Münchner Stadtteilen Au, Untergiesing und Isarvorstadt häusliche Krankenpflege und Altenbetreuung an. Sozialpädagogin Wenzel leitet die angeschlossene Beratungsstelle, die von der Stadt München gefördert wird. Dort veranschaulicht sie in der Beratung mithilfe der Karten das persönliche Hilfsnetz und beantwortet Fragen: Was ist eine Pflegestufe? Was macht der Medizinische Dienst der Krankenkasse? Was leisten die Pflegekassen?


Die eigene Wohnung pflegegerecht gestalten

Bisweilen bricht Michaela Wenzel zu Haus­besuchen auf: „Vor Ort gelingt es oft, auch ganz andere Themen anzuschneiden.“ Beispielsweise spricht es sich in den eigenen vier Wänden häufig leichter über zusätzliche finanzielle Hilfen, über die Beteiligung an Grup­penaktivitäten oder die Inanspruchnahme eines Besuchs- und Begleitdiensts.

Darüber hinaus lassen sich zu Hause gut die Möglichkeiten ­erläutern, das Wohnumfeld pflegegerecht zu gestalten – unter Umständen kann etwa ­eine Rampe den Zugang zur Haustür ­erleichtern. Oder es fehlen Halteleisten im Gang, die das Gehen bei Schwindelproblemen sicherer ­machen.


Hilfe für Angehörige

Wenzel weist außerdem auf Möglichkeiten hin, pflegende Angehörige zu entlasten. Dazu zählt unter anderem die Teilnahme an An­gehörigengruppen, um sich mit Menschen auszu­tauschen, die in einer vergleichbaren Situa­tion leben. Pflegekurse sind ebenfalls hilfreich: Dort geht es nicht nur um Pflegetechniken, sondern auch um Ernährung, Kommunikation und Krisenbewältigung.

Für Demenzkranke kann die Teilnahme an ­einer Betreuungs- und Aktivierungsgruppe eine wertvolle Hilfe darstellen. Eine solche Gruppe organisiert der Münchner Verein Dahoam einmal pro Woche. „Damit jeder, der möchte, kommen kann, gibt es einen Hol- und Bringdienst“, berichtet Michaela Wenzel. Klar, dass diese für Pflegebedürftige wie Angehörige willkommene Abwechslung im Alltag auch in den Karten der Sozialpädagogin auftaucht.


Quelle: Dr. Ralph Müller-Gesser | Apotheken Umschau | 29.09.2014