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Körper & Geist


Was stresst uns am meisten?


Auf Belastungen reagieren Menschen sehr unterschiedlich. Chronischer Stress kann krank machen. Doch wir können gegensteuern.

Früher war es der Säbelzahntiger. Heute stressen uns vor allem die Mitmenschen.

Auf diesen einfachen Nenner bringt es Professor Gerald Hü­­ther, Leiter der Zentralstelle für Neurobiologische Präventionsforschung der Universität Göttingen. „Die meisten Belastungssituationen haben wir heute im Umgang mit anderen Menschen“, erklärt er. „Ständige Konflikte mit dem Partner oder Chef, pubertierenden Kindern, Kollegen oder Nachbarn signalisieren dem Körper Gefahr und erzeugen chronischen Stress, der auf Dauer krank macht.“


Haben wir heute mehr Stress als früher?

Tatsächlich sind die Ursachen chronischer Anspannung oft im Privatleben zu finden: Bei Umfragen ­klagen die Deutschen nicht nur über Arbeits- und Schulstress, sondern zunehmend auch über Familien-, Beziehungs- und Freizeitstress. Aber haben wir heute wirklich mehr Stress als früher? Experten bezweifeln es: „Die Überbetonung des Gestresstseins ist ein Phänomen unserer modernen Gesellschaft, in der es kaum noch existenzielle Bedrohungen gibt“, sagt Professor Florian Holsboer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München. „Noch vor 80 bis 100 Jahren hatten die Menschen echten Stress durch harte Arbeit, Armut, Krankheiten und Krieg – aber von Stress hat keiner gesprochen.“

Für den Neurobiologen Hüther ist die Klage über zu viel Stress im Grunde eine Bewältigungsstrategie. „Dadurch schützen sich die Menschen vor weiteren Belastungen“, sagt er. „Und weil das heute fast jeder tut, befindet man sich in guter Gesellschaft.“ Das verstärkte Stressempfinden in hoch entwickelten Industriestaaten führt er vor allem auf einen Mangel an tragfähigen Beziehungen zurück, aber auch auf eine dauernde Reizüberflutung, die ständige Erreichbarkeit durch neue Kommunikationsmittel und eine Flut beunruhigender ­Informationen: „Die Medien versetzen uns ständig in Alarmbereitschaft, obwohl die berichteten Bedrohungen uns real nur selten gefährden“, sagt Gerald Hüther.


Wie reagiert der Körper auf Stress?

Im Grunde ist Stress eine lebenswich­tige Reaktion, die es uns ermöglicht, bei Gefahr schnell zu reagieren und uns an Veränderungen anzupassen. Zunächst schüttet das Nebennierenmark das Stresshormon Adrenalin aus. Dieses erhöht den Blutdruck, beschleu­nigt den Herzschlag sowie die Atmung und mobilisiert die in den Zellen gespeicherte Energie.

Schmerzempfinden und Verdauung werden unterdrückt, die Blutgerinnung wird angekurbelt: Nun sind wir bereit für Kampf oder Flucht. Etwa zehn Minuten später schüttet die Nebennierenrinde Kortisol aus. Dieses zweite wichtige Stresshormon schützt den Körper vor einer anhaltenden Überaktivierung durch Adrenalin und erhält die Wachsamkeit auf etwas niedrigerem Niveau.

Sobald die akute Gefahrensituation überstanden ist, sinkt der Stresshormon-Pegel wieder auf das Ausgangs­niveau. Bei anhaltendem Stress, etwa ständigen Konflikten mit nahestehenden Menschen, bleibt der Kortisol­­spiegel dagegen dauerhaft erhöht. Das wirkt sich ungünstig auf unser Verhalten aus. „Bei der Auseinandersetzung mit anderen Menschen reagieren wir oft kopflos, weil das Frontalhirn, mit dem wir Handlungen planen und Situationen einschätzen, durch eine Übererregung vorübergehend beeinträch­tigt wird“, erklärt Neurobiologe Hüther.


Angst und Wut werden ausgelöst

Er vergleicht die Vorgänge im Gehirn mit einem Fahrstuhl. Wenn wir im Stress sind, rutschen wir Stockwerk für Stockwerk in entwicklungsgeschichtlich ältere Hirnbereiche ab: Zuerst wird das limbische System aktiviert, das für Gefühle wie Angst und Wut zuständig ist, und schließlich der Hirnstamm, wo es um das nackte Überleben geht. „Statt neue Ideen zu entwickeln, retten wir uns zunächst in bewährte Gewohnheiten“, sagt Hüther. „Wenn das nicht mehr funktioniert, fallen wir in alte Kindheitsmuster zurück und brüllen oder hauen auf den Tisch.“ Bei extre­­mem Stress schließlich springen die ­archaischen Notfallprogramme an, die wir mit allen Säugetieren gemeinsam haben: Angriff, Flucht oder Erstarrung.

Bei Konflikten mit Menschen, die uns nahestehen oder von denen wir abhängig sind, scheiden Angriff und Flucht in der Regel aus. Oft bleibt nur die ohnmächtige Erstarrung. Dieser Zustand ist Stress pur, denn nun sind beide Teile des vegetativen Nervensystems hochgefahren: Der Sympathikus befähigt den Körper zu Kampf oder Flucht, und wenn beides nicht möglich ist, erzwingt sein Gegenspieler, der ­Parasympathikus, die Erstarrung. „Das ist wie Vollgas geben und gleichzeitig bremsen“, erklärt Hüther. „Dann kann man darauf warten, dass einem ein Teil des Wagens um die Ohren fliegt.“


Chronischer Stress kann krank machen

Ein dauerhaft erhöhter Stresshormonspiegel führt zu Problemen an den körperlichen Schwachstellen. „Je nach Anfälligkeit bekommt der eine Dia­­betes, der andere Bluthochdruck, der Dritte eine Depression“, sagt Stress­­forscher Holsboer. „Chronischer Stress erhöht das Risiko für eine Vielzahl von Erkrankungen.“ Auch viele un­spe­zifi­sche Beschwerden gehen auf sein Konto: Bei einer aktuellen Umfrage der Techniker Krankenkasse etwa klagten Menschen mit hohem Stresslevel am häufigsten über Rückenschmerzen und Muskelverspannungen, gefolgt von Erschöpfung, Schlafstörungen und Nervosität.

Stress am Arbeitsplatz kann zusammen mit emotional belastenden Situ­­ationen und fehlender Anerkennung eine überwältigende Erschöpfung verursachen, den sogenannten Burn-out. „Dabei handelt es sich im Grunde um eine Depression“, berichtet Holsboer. „Die Diagnose Burn-out wird jedoch gesellschaftlich positiver bewertet.“ Zudem schädigt Stress die Gesundheit auch indirekt: Chronisch Gestresste konsumieren mehr Alkohol und Zigaretten, ernähren sich ungesünder und greifen häufiger zu Schmerz- und Beruhigungsmitteln.


Nicht jeder Mensch reagiert negativ auf Stress

Doch was der eine als Überforderung sieht, ist für den anderen eine motivierende Herausforderung, die ihn zu körperlicher und geistiger Höchstform auflaufen lässt. Ob Stress positiv oder negativ empfunden wird, liegt weniger an der tatsächlichen Belastung als an Bewertungen, Bewältigungsstrategien und der Persönlichkeitsstruktur.

„Wie wir auf Belastun­gen reagieren, hängt ab von unserer genetischen Veranlagung und frühen Kindheitserfahrungen“, erklärt Holsboer. Wer in den ersten Lebensjahren starken Belastungen ausgesetzt war, könne je nach Veranlagung eine größere Widerstandskraft oder aber eine höhere Anfälligkeit für Stress und seine Folgeerkrankungen entwickeln.

Menschen, die sich ständig gestresst fühlen, rät Holsboer, sich beim Arzt gründlich untersuchen zu lassen. „Wir behandeln zunächst die Symptome, die den Patienten am meisten belasten.“ Stehen Schlafstörungen im Vordergrund, müsse man einen Blick auf die Schlafgewohnheiten werfen, bei Problemen mit der Lebensbewältigung könne eine Psychotherapie helfen.

Für den Neurobiologen Hüther sind Stress und Angst im Grunde positive Botschaften: „Sie zeigen uns, dass in unserem Leben etwas schiefläuft und wir unsere Einstellung ändern müssen.“


Quelle: Barbara Kandler-Schmitt | Apotheken Umschau | 04.02.2014